Zum Inhalt springen
Resilienz & Stressmanagement

Innere Antreiber: Wenn Stärken zur Stressfalle werden

Sei perfekt, Sei stark, Sei schnell: Innere Antreiber meinen es gut mit uns und machen trotzdem Stress. Die fünf Antreiber im Überblick, ein erster Selbstcheck und wie innere Erlauber den Druck rausnehmen.

Von Saskia Pihaly8 Min. Lesezeit
Seminarraum mit Antreiber-Fragebogen auf den Stühlen, Thema innere Antreiber
Ein paar Minuten Ruhe, dann das Auswerten: der Antreiber-Fragebogen im Seminar.
Der Stress kommt nicht nur von außen. Ein Teil davon kommt von innen.

Am zweiten Tag eines Seminars zu Stress und Balance im Berufsalltag hat jede Teilnehmerin und jeder Teilnehmer einen Antreibertest gemacht. Ein paar Minuten Ruhe, dann das Auswerten. Und bei manchen ein echter Aha-Moment: ein, zwei oder sogar drei Antreiber im roten Bereich.

Plötzlich wurde klar, warum sich so manches im Alltag so anstrengend anfühlt. Der Stress kommt nicht nur von außen, von Terminen und vollen Postfächern. Ein Teil davon kommt von innen.

Innere Antreiber sind unbewusste Leitsätze, die unser Verhalten steuern. Sie meinen es gut mit uns. Werden sie zu stark, gehören sie zu den persönlichen Stressverstärkern. Schauen wir uns deshalb die fünf inneren Antreiber erst einmal an: woran Sie sie erkennen, was dahintersteckt und was innere Erlauber bewirken.

Was sind innere Antreiber?

Das Modell der inneren Antreiber stammt aus der Transaktionsanalyse und wurde vom Psychologen Taibi Kahler beschrieben. Es geht von fünf Antreibern aus, die in jedem Menschen wirken: Sei stark, Sei perfekt, Sei gefällig, Sei schnell und Streng dich an.

Hinter jedem Antreiber steckt ein Bedürfnis. Sicherheit, Anerkennung, Zuwendung, Erfolg oder das Gefühl, nichts Wichtiges zu verpassen. Deshalb sind Antreiber grundsätzlich etwas Positives. Sie kommen in guter Absicht.

Die entscheidende Frage ist, wie stark sie ausgeprägt sind. Im gesunden Maß ist ein Antreiber eine Stärke. Wird er zu stark, kippt er ins Negative. Dann macht er uns richtig Stress.

Man darf ihm zuhören, man darf ihm nur nicht ganz die Zügel überlassen.

Warum unser Hirn an Antreibern festhält

Antreiber arbeiten wie ein Autopilot. Ein Reiz kommt, und die Reaktion läuft ab, bevor wir überhaupt nachgedacht haben. Unser Hirn mag solche Automatismen, weil sie Energie sparen.

Das ist praktisch, solange der Automatismus uns guttut. Wenn nicht, dürfen wir ihn bewusst unterbrechen. Wie dieser Autopilot funktioniert und wie Sie aus ihm aussteigen, zeigt auch unser Artikel über Achtsamkeit für Führungskräfte.

Die 5 inneren Antreiber im Überblick

Jeder Antreiber hat typische Sätze, ein meist unbewusstes Ziel und eine starke Seite. Vielleicht erkennen Sie sich beim Lesen in dem einen oder anderen wieder.

1. Sei stark

Die Zähne zusammenbeißen, keine Gefühle zeigen, sich nicht unterkriegen lassen. Menschen mit einem sehr ausgeprägten „Sei stark“ sagen Sätze wie: „Ich komme allein zurecht.“ Oder: „Damit ich wegen einer Krankheit zu Hause bleibe, muss es mir schon sehr schlecht gehen.“

Das unbewusste Ziel: Sicherheit. Wer unabhängig ist, fühlt sich sicher.

Die starke Seite: Diese Menschen haben oft ein sehr gutes Krisenmanagement und viel Kraft.

2. Sei perfekt

Nur keine Fehler machen, immer der Erste sein, es geht immer noch besser. Typisch ist der Satz: „Wenn ich eine Arbeit mache, dann gründlich und fehlerfrei.“ Selbst wenn eine Aufgabe erledigt ist, fällt ihnen noch etwas ein, das man verbessern könnte.

Das unbewusste Ziel: Anerkennung. Durch maximale Kontrolle und fehlerfreies Arbeiten.

Die starke Seite: ein feiner Sinn für Vollkommenheit und oft ein echtes Planungstalent.

3. Sei gefällig

Wer diesen Antreiber stark ausgeprägt hat, möchte allen gefallen. Nein sagen fällt schwer. Man gibt anderen lieber recht, bleibt so diplomatisch wie möglich und stellt die eigenen Interessen zurück. Akzeptiert zu werden ist wichtiger, als sich durchzusetzen.

Das unbewusste Ziel: Zuwendung. Dahinter steht oft der Gedanke: Nur wenn ich es allen recht mache, bekomme ich sie.

Die starke Seite: ein hohes Einfühlungsvermögen.

4. Sei schnell

Immer beschäftigt, immer in Bewegung, oft mehrere Dinge gleichzeitig. Typische Sätze: „Zeit ist Geld.“ „Wer zu spät kommt, muss nehmen, was übrig bleibt.“ Dazu kommt häufig die Sorge, etwas zu verpassen.

Das unbewusste Ziel: nichts Wichtiges verpassen.

Die starke Seite: eine hohe Leistungsbereitschaft und die Fähigkeit, gut und schnell zu arbeiten.

5. Streng dich an

„Wer rastet, der rostet.“ „Erst die Arbeit, dann das Vergnügen.“ „Nur Schweres ist wertvoll.“ Einfach in den Tag hineinleben käme für diese Menschen nie infrage. Und trotzdem haben sie oft das Gefühl, nicht alles geschafft zu haben, was sie sich vorgenommen haben.

Das unbewusste Ziel: Erfolg sichern. Der Glaubenssatz dahinter: Nur durch größte Anstrengung ist Erfolg möglich.

Die starke Seite: Durchhaltevermögen, Beständigkeit und Ausdauer.

Innere Antreiber Test: Welche Stimme ist bei Ihnen besonders laut?

In unseren Seminaren arbeiten wir mit einem ausführlichen Antreiber-Fragebogen zur Selbstreflexion. Für einen ersten Eindruck reichen oft schon ein paar ehrliche Fragen an sich selbst:

  • Sei stark: Fällt es Ihnen schwer, um Hilfe zu bitten, auch wenn Ihnen gerade alles zu viel wird?
  • Sei perfekt: Sind Sie mit einem Ergebnis selten wirklich zufrieden?
  • Sei gefällig: Sagen Sie Ja, obwohl Sie eigentlich Nein meinen?
  • Sei schnell: Haben Sie oft mehrere Dinge gleichzeitig am Laufen und das Gefühl, etwas zu verpassen?
  • Streng dich an: Fühlt sich eine Pause für Sie erst dann verdient an, wenn wirklich alles erledigt ist?

Wo Sie innerlich sofort nicken, lohnt sich ein genauerer Blick. Dieser Selbstcheck ersetzt keinen ausführlichen Antreiber-Fragebogen zur Selbstreflexion, gibt Ihnen aber eine erste Richtung, wo Ihre persönlichen Stressverstärker sitzen könnten.

Innere Erlauber: So lösen Sie Antreiber auf

Einen Antreiber zu erkennen, ist der erste Schritt. Der zweite ist eine bewusste Entscheidung. Weil Antreiber wie ein Autopilot anspringen, brauchen sie einen bewussten Gegenpol. In der Transaktionsanalyse heißt dieser Gegenpol innerer Erlauber.

Vom Antreiber zum Erlauber
Antreiber erkennenEinen Antreiber zu erkennen, ist der erste Schritt.
Bewusst entscheidenDer zweite ist eine bewusste Entscheidung.
Erlauber aussprechenEin Satz, den Sie sich selbst sagen, wenn die innere Stimme mal wieder zu laut ruft.

Ein Erlauber ist ein Satz, den Sie sich selbst sagen, wenn die innere Stimme mal wieder zu laut ruft:

5Die 5 inneren Erlauber
  1. 01Sei perfekt: „Ich darf Fehler machen und unvollkommen sein. Und ich bin trotzdem gut und anerkannt.“
  2. 02Sei schnell: „Ich darf es langsam angehen lassen. Und ich verpasse trotzdem nichts Wichtiges.“
  3. 03Sei stark: „Ich darf auch mal schwach sein und um Hilfe bitten. Und ich bin dennoch sicher.“
  4. 04Sei gefällig: „Ich darf Nein sagen und es mir auch mal recht machen. Und ich bin trotzdem wertvoll.“
  5. 05Streng dich an: „Ich darf Pause machen und es mir auch mal leicht machen. Und ich bin dennoch leistungsfähig und erfolgreich.“

Achten Sie auf den zweiten Teil jedes Satzes. Er gibt dem Bedürfnis hinter dem Antreiber genau das, was es sucht: Anerkennung, Sicherheit, Zuwendung, Erfolg. Nur eben ohne den Dauerstress.

Gerade der Erlauber für „Streng dich an“ fällt vielen schwer. Warum Pausen weniger Zeitverlust sind als ein echter Leistungsfaktor, lesen Sie in unserem Artikel über eine gute Pausenkultur.

Perfektionismus ablegen: Warum der Erlauber hilft

Perfektionismus ablegen klingt nach einem festen Entschluss. Das Bedürfnis dahinter bleibt aber bestehen. „Sei perfekt“ möchte Anerkennung, und die sucht er sich weiter.

Der Erlauber geht einen anderen Weg. Er nimmt das Bedürfnis ernst und entkoppelt es vom fehlerfreien Ergebnis. Ich darf unvollkommen sein und bin trotzdem anerkannt.

Das Planungstalent und der Blick fürs Detail bleiben dabei erhalten. Nur der Druck, jede Aufgabe perfekt abzuliefern, darf leiser werden.

Was innere Antreiber für Führungskräfte bedeuten

Antreiber wirken nicht nur in uns. Sie wirken auch in Teams. In der Reflexion im Seminar haben sich die Teilnehmenden in kleinen Gruppen drei Fragen gestellt, die ich jeder Führungskraft ans Herz lege:

  • Welche inneren Antreiber herrschen in meinem Team?
  • Durch welche Regeln, ausgesprochen oder unausgesprochen, werden diese Antreiber gefördert?
  • Welche Erlauber könnten wir ganz bewusst etablieren?

Wenn zum Beispiel in einem Team immer derjenige Anerkennung bekommt, der abends noch Mails beantwortet, werden „Sei schnell“ und „Streng dich an“ ganz nebenbei verstärkt. Das liegt dann weniger an einzelnen Mitarbeitenden als an der Kultur, die alle gemeinsam leben.

Und noch etwas: Erlauber können Sie nicht nur sich selbst aussprechen. Sie dürfen sie auch Ihren Mitarbeitenden, Kolleginnen und Kollegen schenken. Wenn Sie merken, dass bei jemandem ein Antreiber viel zu laut ist, kann ein bewusst ausgesprochener Satz viel bewirken.

„Du darfst dir dabei Hilfe holen.“ Oder: „Das darf heute auch einfach gut genug sein.“

Das ist eine Frage der Haltung. Und sie ist ein wichtiger Baustein für einen gesunden Umgang mit Stress am Arbeitsplatz.

Was das in unseren Seminaren bedeutet

In unseren Seminaren und Trainings handeln wir die Themen nicht standardmäßig ab. Wenn Führungskräfte mit ihren besonderen Herausforderungen in den Raum kommen, wird das Seminar flexibel angepasst. Denn wir möchten, dass unsere Seminare den Teilnehmenden wirklich in ihrem Arbeitsalltag weiterhelfen und praktisch anwendbar sind.

Bei den inneren Antreibern heißt das bei PIHALY Personalentwicklung: Die Teilnehmenden füllen den Antreiber-Fragebogen zur Selbstreflexion aus, schauen sich ihre Werte an und verstehen, warum ein bestimmter Antreiber ihnen Stress macht. Danach entwickeln sie ihre persönlichen Erlauber und tauschen sich in Kleingruppen darüber aus, wie sie Überlastungssignale früher erkennen und handeln können.

Häufig gestellte Fragen zu inneren Antreibern

Was sind innere Antreiber?

Innere Antreiber sind unbewusste Leitsätze aus der Transaktionsanalyse, die unser Verhalten steuern. Es gibt fünf davon: Sei stark, Sei perfekt, Sei gefällig, Sei schnell und Streng dich an. Jeder sichert ein Bedürfnis wie Anerkennung oder Sicherheit. Zu stark ausgeprägt werden sie zu persönlichen Stressverstärkern.

Gibt es einen Test für innere Antreiber?

Ja, es gibt Fragebögen zur Selbstreflexion, die zeigen, wie stark jeder der fünf Antreiber bei Ihnen ausgeprägt ist. Werte im roten Bereich weisen auf Antreiber hin, die Stress verursachen können. Für einen ersten Eindruck helfen auch ehrliche Fragen an sich selbst, etwa ob Ihnen Nein sagen oder um Hilfe bitten schwerfällt.

Was sind innere Erlauber?

Innere Erlauber sind bewusste Sätze, die Sie einem zu lauten Antreiber entgegensetzen. Zum Beispiel: „Ich darf Fehler machen und bin trotzdem anerkannt.“ Sie unterbrechen den Autopiloten und geben dem Bedürfnis hinter dem Antreiber, was es braucht. Erlauber können Sie auch anderen aussprechen, etwa Ihren Mitarbeitenden.

Was hat Perfektionismus mit inneren Antreibern zu tun?

Perfektionismus ist oft ein Zeichen für einen stark ausgeprägten Antreiber „Sei perfekt“. Das unbewusste Ziel dahinter ist Anerkennung durch fehlerfreies Arbeiten. Wer Perfektionismus ablegen möchte, darf dieses Bedürfnis ernst nehmen und sich erlauben, unvollkommen zu sein. Die Stärken wie Planungstalent und Sorgfalt bleiben dabei erhalten.

Resilienz in Ihrem Team stärken

Beschäftigt Sie dieses Thema in Ihrem Unternehmen? Wir entwickeln mit Ihnen ein Konzept, das zu Ihrer Situation passt.

Mehr zu unseren Seminaren und Trainings bei PIHALY Personalentwicklung oder schreiben Sie uns direkt.

Zu unseren Seminaren